One must still know how to disappear (2016)

choreography and performance:
Lenah Flaig, Josefine Patzelt

light design: Garlef Keßler

music and composition: Eric Eggert

speach: Ralph Günther

Zwei Frauen, eine Stimme und das harmlose Spiel des Lebens: Eine anonyme, fiktive Person, die sich als nebulöse Stimme manifestiert, beeinflusst die Tänzerinnen und ihre Handlungen auf der Bühne. Die zwei Frauen gehen an ihre körperlichen Grenzen, bis zum Schluss keine Stimme mehr übrig ist. Was bleibt, wenn jemand verschwindet und woher kommt der Drang etwas sagen zu müssen, bevor man geht?
Ein Stück über das Hinterlassen, Verschwinden, Verwirren und Vergessen.

“ZWEI TANZ-DUOS, DIE WELTEN TRENNEN”

NACHWUCHSCHOREOGRAPHIEN IN KÖLN
Von KLAUS KEIL

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Es waren zwei Stücke, die unterschiedlicher nicht hätten sein können und damit die künstlerische Vielfalt und Qualität von Kölns freier Szene anschaulich demonstrieren. Haptisch und gegenständlich Dieterle, abstrakt und analytisch Flaig/Patzelt. Während Dieterle damit ihrer bisherigen Herangehensweise und Inszenierungsform treu blieb, stellten sich Flaig/Patzelt mit großem Erfolg der Herausforderung einer konsequent durchdachten, philosophisch basierten Gesamtinszenierung aus Tanz/Sprache/Sound und Licht.
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PACKENDER SPANNUNGSBOGEN BIS ZUM SCHLUSS
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Für das Duo Flaig/Patzelt war es die erste gemeinsame Choreografie. Eigentlich müsste man von einem Trio sprechen, denn eine männliche Stimme aus dem Off ist als fiktive Person ständig präsent und mischte sich beeinflussend auf Handlung und Tanz der beiden in das Stück ein. Wo Texte sonst nur illustrierend ein Stück ergänzen, gehört er hier inhaltlich unverzichtbar zum Stück. Inspiriert waren die Texte von der These des französischen Philosophen Eric Baudrillard vom Verschwinden des Menschen in der Gleichgültigkeit, ergänzt und zusammengestellt hatte sie Eric Eggert, der auch den angemessenen Sound dazu einspielte, und nachdrücklich mit markanter Stimme gesprochen von Ralph Günther.

Kann man denn eine philosophische Position vertanzen? Lenah Flaig und Josefine Patzelt zeigen eindrucksvoll, wie man choreografisch-tänzerisch damit umgehen kann. Dazu setzen sie am bekannten zeitgenössischen Bewegungsrepertoire an, das sie in diesem Stück zu einer Art Stop-and-Go-Bewegungssprache weiterentwickelt haben. Schon beim Einstieg in das Tanzstück wird anschaulich, wie das funktioniert und Inhalt und Tanz zusammengebracht werden.
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Das Stück beginnt mit offener Bühne. Während das Publikum seine Plätze einnimmt, sitzen die Tänzerinnen ganz entspannt, nur mit Slip und BH bekleidet, auf Stühlen. Ein sirrender, sirenenhaft rufender Sound, von Dröhnen begleitet, setzt an. Die Tänzerinnen beginnen, sich anzuziehen. Mitten in der Bewegung stoppen sie, der Körper erstarrt, um nach einem Moment verzögert in der Bewegung fortzufahren. Das wirkt wie kleine Aussetzer in der elektrischen Spannung, die gleich wieder behoben sind und die Energie weiter laufen lassen.
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Es setzt sich dann fort, wenn beide, langhaarig, blond, gleich gekleidet, sich wie die Kopie der anderen mit verzögerten Schrittänderungen, eingeknickten Körpern, den Armen in Vorbeuge zum Tanz auf der Bühne synchron bewegen, Ausbrüche versuchen, dabei ohne sichtbaren Kraftaufwand eine vibrierende Spannung aufbauen, die von der Stimme aus dem Off vorangetrieben wird und sich plötzlich durch ein Absinken des Körpers oder der Arme löst.

DAS VERSCHWINDEN DER SICHTBARKEIT
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Haben Sie das erwartet zu sehen, fragt die Stimme an den Zuschauer gerichtet. Schließen Sie die Augen, weist die Stimme an, und alles um Sie herum wird verschwinden, doch nur aus Ihrer Sicht. Immer schneller und aggressiver peitscht die Stimme damit auch den Tanz voran. Der Zuschauer wird zum aktiven Teil der Inszenierung allein durch sein Sehverhalten. Im Flackerlicht eines Stroboskop verschwinden die beiden Tänzerinnen, tauchen nach einer kurzen Dunkelphase in einer Lichtgasse wieder auf, um sich in Slowmotion aus dem background aufs Publikum zuzubewegen. Die Stimme schließt das Set: „You can only remember a situation, no details, no story“.
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Lenah Flaig und Josefine Patzelt ist mit dem Team von Sound und Text (Eric Eggert/Ralph Günther) und Licht (Garief Kessler) ein faszinierend-spannungsgeladenes Tanzstück gelungen, das sich einer abstrakt-philosophischen Fragestellung überzeugend genähert hat. Aus der großartigen Zusammenarbeit aller ist ein kleines tänzerisches Gesamtkunstwerk entstanden.

WENIG AUFWAND – GROßES THEATER

Pick bloggt über Karel Vanek und Guido Preuß in Bonn und schaut dann auch bei Lenah Flaig und Josefine Patzelt in Köln vorbei.

Zwei begabte junge Damen in Köln hatten uns etwas zu sagen, und zwei Herren erfanden und entwickelten eine etwas andere Theaterform.

[…] Bei den beiden Damen Lenah Flaig und Josefine Patzelt sieht die Sache in ihrem Stück über das Verschwinden ganz anders aus: da gibt es nichts zu lachen, auch nichts zu schmunzeln in „One must still know how to disappear“. Sie nehmen ihre Sache sehr ernst und haben Recht damit. Wie so oft bei dieser Art von Tanzperformance darf man seiner eigenen Fantasie freien Lauf lassen. Wenn der Abend beginnt und die Bühne der Tanzfaktur in Köln ins rechte Licht gerückt wird, sitzen zwei junge, ausnehmend hübsche Tänzerinnen in Slip und BH sich gegenüber in eine wortlose Konversation vertieft, die ihnen offenbar immer wieder kleine Denkpausen abringt, während sie sich nach und nach Alltagsklamotten überziehen. Es bleibt nun auch nicht bei diesen beiden Tänzerinnen, sondern eine wunderbare Geisterstimme erzählt ihnen, und natürlich den Zuschauern, in bestem BBC-Englisch einen hochphilosophischen Text (wahrscheinlich Jean Beaudrillard), der selbst dann, wenn man seiner Tiefe nichts abgewinnen sollte, doch so angenehm aufs Gemüt geht, dass man sich nicht entziehen kann, so wie man eine Klangkulisse oder Musik nicht negieren kann. Damit erzeugen diese beiden mit ihrem fiktiven Partner eine erstaunliche Atmosphäre, die über fünfzig Minuten reicht und mich unterwegs nicht gelangweilt hat – so reizvoll fand ich das Ganze.

Und wenn Sie mich nun fragen: wie war denn die Choreografie? Da muss ich passen, ich habe nicht nach ihr gesucht und ausnahmsweise habe ich sie auch nicht vermisst, weil mit dem, was die beiden Darstellerinnen auf der Bühne machen, eine Spannung erzeugt wird, ganz gleich, ob es tiefsinnig sein sollte oder nicht, und die Frage einfach nicht aufkam. Die sparsamen musikalischen Attribute (Sound: Eric Eggert), genauso wie der Sprecher (Sprecher: Ralf Günther) und das, was auf der Bühne passiert, berührten und interessierten mich für den Moment, und darauf kommt es schließlich an.

Ich glaube nicht, dass dieses Erstlingsstück Ewigkeitscharakter haben wird, aber es zeugt von Talent für und Ausstrahlung auf der Bühne und offenbar war es etwas, was mir an diesem Abend Vergnügen bereitet hat!

 

Günter Pick // tanznetz.de

Josefine Patzelt und Lenah Flaig beschließen die Reihe First Steps in der Fabrik Heeder mit ihrem Stück „One must still know how to disappear“

Von Bettina Trouwborst

Ein Erotik-Thriller? Die elektronische Musik schwillt bedrohlich an, während sich zwei langhaarige Blondinen in schwarzer Wäsche im Halbdunkel unter einer Glühbirne gegenüber sitzen. Eher nicht, denn die beiden ziehen sich Kleidungsstück um Kleidungsstück wieder an – und lassen sich dabei nicht aus den Augen. Blaue Jeans, weißes Top, schwarze Sneakers – sie sehen fast aus wie Zwillinge. Eine strategische Maßnahme, wie wir bald erfahren werden. Denn Anweisung Nummer drei des Philosophen Jean Baudrillard in der Kunst des Verschwindens lautet: Finde eine andere Person und versuche, sie zu kopieren. Textfragmente des Franzosen liest nämlich eine Stimme aus dem Off in leicht süffisantem Ton. Und bringt die beiden Tanzkünstlerinnen Josefine Patzelt und Lenah Flaig an ihre psychischen und physischen Grenzen. Ihr gemeinsamer choreografischer Erstling mit dem Titel „One must still know how to disappear“ vibriert vor Spannung: ein philosophisch motivierter Tanz-Krimi. Die kaum merkliche sanfte Ironie macht ihn umso reizvoller.

Die beiden jungen Frauen geraten mehr und mehr in den Sog der Stimme (Ralph Günther). Ganz entspannt-genüsslich philosophiert sie über Formen des Verschwindens in englischer Sprache. Die Metamorphose sei ein gutes Mittel, eine Form zu verlassen, sich zu verwandeln und eine neue anzunehmen – wie der Tanz. Der Tod dagegen sei keine gute Variante: „One must still know how to disappear“, so das Credo. Dann zerfetzten harte Crash-Geräusche die freundliche Stimme.

Die hohe Kunst von Josefine Patzelt und Lenah Flaig liegt darin, dass sie die Gedanken des Philosophen aufnehmen, ohne sie zu illustrieren. Mehr noch, sie lassen sich von ihnen tänzerisch antreiben und schließlich beherrschen. Ihr zeitgenössisches Bewegungsidiom, das die beiden als starke Tänzerinnen ausweist, ist geprägt von Elementen des Streetdance. Mit den eckigen Arm-Gesten, abrupten Richtungswechseln und dem federnden Körper vermitteln die Tanzsequenzen etwas Marionettenhaftes. Man könnte die Frauen als Marionetten dieser Stimme sehen, die eine wachsende mentale Macht auf sie ausübt. Oder auch nicht. Denn das Stück lässt Interpretationsspielraum in alle Richtungen.

Immer neue, oft kryptische Akzente setzten die beiden Nachwuchschoreografinnen. Und gestalten so eine dichte, knisternde Atmosphäre. Einen Spannungsbogen, der nicht locker lässt. Dramaturgisch geschickt, führen sie Requisiten oder Aktionen ein, die im späteren Verlauf eine Bedeutung gewinnen.

Und sich zu einem fulminanten Finale verdichten. Während Lenah Flaig auf cool macht und hinter einer Sonnenbrille verschwindet, wie es der akustische Partner als jugendliches Gehabe missbilligt, schreibt Josefine Patzelt mit Kreide an verschiedenen Stellen auf den Boden – für den Zuschauer nicht lesbar. Später, nachdem insbesondere Patzelt Giselle-artig bis zur totalen Erschöpfung getanzt hat, erscheinen die beiden Frauen in einem düsteren Tableau in einer Zwischenwelt. In schwarzen Kleidern bewegen sie sich in einem Licht-Rechteck mit Kreide-Inschrift wie auf einem Grab. Die ganze Bühne ein Friedhof? In Zeitlupe, erst angstvoll gekrümmt, dann wie erlöst, bewegen sie sich einem Lichtstrahl entgegen. Auf dem Weg ins endgültige Verschwinden oder in die Transformation? Vieles bleibt unergründlich.

Die Performance von Josefine Patzelt und Lenah Flaig hat zweierlei, das vielen zeitgenössischen Arbeiten fehlt: Geheimnis und Tiefgang. Sie setzt einen eindrucksvollen Schlusspunkt, nein, ein Ausrufezeichen, unter das Nachwuchsformat First Steps des Krefelder Kulturbüros in der Fabrik Heeder. Und zeigt, wie lohnend es sein kann, Anfängern eine Plattform zu bieten.

Performance Dates

Premiere tanzfaktur Köln

Rheinfach Festival 2016

TanzNRW2017, theater im ballsaal Bonn

Tanzartostwest 2017 Gießen, tatstudiobühne

First Steps Krefeld 2017, Fabrik Heeder